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Wie schnell kommt Deutschland aus der Rezession?

Jetzt ist es offiziell. Deutschland steckt in der Rezession – im ersten Quartal sank das Bruttoinlandsprodukt um 2,2 Prozent, obwohl die Corona-Krise und die Lockdown-Maßnahmen nur ein kleineren Teil des Zeitraums betroffen haben. Das zweite dürfte also wesentlich schlechter ausfallen. Die meisten Analysten und Volkswirte rechnen mit einem zweistelligen Rückgang. Die Gretchenfrage lautet aber: Wie geht es danach weiter?

Die Börse ist sich einig: Die Erholung wird kommen, schnell und kräftig. Das zumindest lässt sich aus der Kursentwicklung ablesen. Und aus der Tatsache, dass positive Nachrichten wie heute ein verbessertes Ifo-Geschäftsklima durchweg für weitere Kursanstiege genutzt werden. Die Volkswirte sind dagegen sehr unterschiedlich gestimmt. Einige wie der Ökonom Nouriel Roubini, der die Finanzkrise 2008 vorhersagte, rechnen sogar mit einer dramatischen Entwicklung.

Wer recht hat, kann im Moment keiner vorhersagen, denn das hängt in entschiedenem Maße von der Entwicklung des Infektionsgeschehens ab. Eine zweite Welle, gar ein weiterer Lockdown würden die optimistischen Szenarien zerschlagen; ein Fortschritt in der Behandlung oder gar ein Impfstoff hingegen die Pessimisten widerlegen.

Es gibt einige Gründe, dass die Rezession in Deutschland länger andauert…

So oder so bleiben aber verschiedene Problemfelder bestehen, die dafür sprechen, dass das alte Wohlstandsniveau in Deutschland so schnell nicht wieder erreicht werden kann:

  • Der private Verbrauch ist schwach. Nicht nur, weil sich die Lage am Arbeitsmarkt verschlechtert hat und die Menschen gerade bei langfristigen Anschaffungen eher zurückhaltend agieren. Rund ein Drittel der Bundesbürger rechnet laut der Konsumforschungsgesellschaft GfK damit, dass sich ihre finanzielle Situation eher verschlechtert und wollen weniger ausgeben. Andere fehlt vermutlich schlicht die Gelegenheit zum Konsum, weil sie freiwillig auf Einkaufsbummel, Restaurantbesuche und ähnliches verzichten.
  • Eine Pleitewelle droht: kleine Geschäfte, Reisbüros, Restaurants, Kinos, Eventveranstalter – einige Unternehmen werden die Krise nicht überleben und damit nachhaltig die Wirtschaftsleistung mindern. Bis neue entstehen, dauert es seine Zeit.
  • Die Verschuldung nimmt dramatisch zu: Viele Unternehmen brauchen jetzt Hilfskredite, die der Staat nur mit neuen Schulden vergeben kann. Dabei gilt: Der künftige Schuldendienst, egal ob bei Firmen oder beim Staat, kostet zukünftiges Wachstum.
  • Die internationalen Absatzmärkte sind mehr als angeschlagen. Egal wohin man blickt: Kräftige Bestellungen für die deutsche Exportindustrie sind nirgendwo zu erwarten. Denn weltweit kämpfen die Länder mit den eigenen wirtschaftlichen Problemen. Ganz dramatisch ist das in den Emerging Markets, wo sich teilweise jetzt schon kräftige Schulden- und Währungskrisen anbahnen. Aber auch alle Industrieländer sind schwach. Selbst China kann anders als nach der Finanzkrise 2008 diesmal wohl kaum als Konjunkturlokomotive dienen – denn der chinesischen Wirtschaft fehlt selber die internationale Nachfrage. Verschärft wird die Problematik durch die Reflexe des US-amerikanischen Präsidenten, den internationalen Handel jetzt weiter einzuschränken.

… aber auch einige, dass es rasch wieder nach oben geht

Dennoch gibt es auch einige Argumente, dass gerade Deutschland vergleichsweise gut aus der Rezession kommen wird und anschließend zu den Gewinnern zählen könnte:

  • Der Sozialstaat, Kurzarbeitergeld und Hilfsprogramme für Unternehmen verhindern einen Absturz á la USA. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit könnte sich im Rahmen halten, die Pleitewelle begrenzt bleiben.
  • Ein EU-Hilfs-Programm für schwache Länder wie es die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident nun angedacht haben, könnte dafür sorgen, dass die wichtigen Handelspartner in der EU nicht ins Bodenlose abstürzen und die Nachfrage für die deutsche Industrie stabilisieren.
  • Regierungen und Zentralbanken in Deutschland und Europa haben bewiesen, dass die bereit sind, alles zu tun möglichst viele wirtschaftliche Strukturen zu erhalten.
  • Deutschland fertigt viele Güter, die von einem Aufschwung aber auch von Infrastrukturausgaben von Staaten überdimensional profitieren: Ausrüstungen für Unternehmen etwa oder Großanlagen. Sollte sich die Stimmung also aufhellen, könnte es hierzulande schnell zu Bestellungen kommen.

Ob der Abschlag von gut 20 Prozent bei den deutschen Aktien gegenüber dem Vor-Corona-Niveau daher richtig ist oder nicht, kann derzeit niemand beantworten. Nach meinem Gefühl ist er angesichts der vielen Fragezeichen und potentiellen Zuspitzungen von Krisen zu knapp bemessen. Aber glauben Sie mir: Ich würde mich in dieser Frage sehr gerne irren.

Foto:Waldemar Brandt/unsplash.com

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