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„Slowbalisierung statt Globalisierung“ – Interview mit Gabriel Felbermayr

Über aktuelle Trends in Konjunktur und Welthandel sprachen wir im Interview mit Prof. Dr. Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) und zuvor Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), am Rande der 1. Nachhaltigkeitskonferenz der Best Business Association (BBA) in Passau.

finanzjournalisten.de: Vor gut einem Monat hat die Hamas Israel angegriffen. Mit diesem Krieg im Nahen Osten ist ein neuer geopolitischer Konfliktherd aufgebrochen. Kann er die Entwicklung der Weltwirtschaft entscheidend hemmen?

Felbermayr: Der globale Handel verkraftet zum Glück sehr viel. Eigentlich hat er uns in den letzten Jahren immer wieder überrascht und sich sehr resilient gezeigt. In den letzten Monaten hat er sich aber doch deutlich abgeschwächt. Derzeit ist es nicht so sehr der neue Konflikt, der bedenklich stimmt. Sondern es ist die Summe aller Probleme und Konflikte, die die Weltwirtschaft derzeit zu bewältigen hat und wie sie zusammenhängen. Es gibt ja durchaus Berechtigung für die Sichtweise, dass der Konflikt zwischen der Hamas und Israel große Billigung findet in Moskau, weil damit eine zweite Front eröffnet ist, die den Westen von anderen Konflikten ablenkt. Diese Gesamtgemengelage ist es, die den Welthandel eintrübt und gravierende Nebenwirkungen hat.

finanzjournalisten.de: Eine davon sind die hohen Schwankungen bei vielen Rohstoffpreisen.

Felbermayr: Genau, die Gaspreise sind ja auch wieder massiv gestiegen, sie haben sich zunächst um 50% verteuert nach dem 6. Oktober, dem Angriff auf Israel, sind zwar seither wieder ein Stück weit zurückgekommen, aber nicht ganz. Diese hohe Volatilität, die ist natürlich per se schlecht für den Welthandel. Und je unversöhnlicher sich da die Fronten gegenüberstehen, umso nervöser reagiert alles. Sofort kann man sich vorstellen, dass in den Hamas-Konflikt womöglich auch die libanesische Hisbollah einsteigt. Dann haben wir den Iran an Bord, der Iran wiederum hat viele arabische Ländern in der Region als Gegner. Man kann sich leicht vorstellen, dass es zu einem Flächenbrand kommen könnte. Der hat zwar nur eine geringe Wahrscheinlichkeit, aber die Tatsache, dass man sich das leicht vorstellen kann, führt eben zu diesen schnellen Ausschlägen an den Märkten.

„Diese Gesamtgemengelage ist es, die den Welthandel eintrübt und gravierende Nebenwirkungen hat“


finanzjournalisten.de:
Die Finanzmärkte reagieren sehr nervös, schlägt die Entwicklung auch direkt schon auf die Konjunktur durch?

Felbermayr: Der Konflikt hat schon unmittelbare konjunkturelle Auswirkungen. Unternehmen haben mit hohen Volatilitäten zu kämpfen, wenn der Gaspreis in kurzer Zeit zwischen 25 und 50 € schwankt, ist das schließlich enorm. Auf dieser schwankenden Basis müssen die Unternehmen ja Investitionsentscheidungen treffen. Diese Volatilität wirkt sich direkt wachstumshemmend aus, weil man schließlich nicht alles wegversichern kann.

finanzjournalisten.de: Wenn wir jetzt auf die Eurozone im allgemeinen und Deutschland im Besonderen schauen, dann ist klar, dass 2023 kein besonders guter Jahrgang wird. Was erwarten Sie für 2024? Kann die Konjunkturwende gelingen?

Felbermayr: 2023 ist insofern interessant, als dass Kontinentaleuropa tatsächlich eher enttäuscht. Allen vor allem Deutschland, das satt in der Rezession steckt, aber auch Österreich, die Niederlande und Frankreich. In Spanien zum Beispiel ist die Lage nicht so schlecht. In der Eurozone insgesamt wackelt die Null. Die USA liefern dagegen Zahlen, die man fast nicht glauben kann. Das dritte Quartal 2023 brachte in den USA, wenn man es aufs Jahr rechnet, ein Wachstum von fast 5 Prozent. Und das ist in einer Hochzinsphase mit all diesen Unsicherheiten eigentlich unfassbar. Das war eine positive Überraschung für mich. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob das Eis nicht sehr dünn ist, auf dem sich die USA bewegen. Aber insofern zeigt das Jahr 2023 global eher ein gemischtes Bild und ist in Summe gar nicht so schlecht.

„Die USA liefern Zahlen, die man fast nicht glauben kann“

finanzjournalisten.de: Woran liegt es speziell in Deutschland und Österreich, dass die Situation hier so besonders hart ist?

Felbermayr: Das liegt an der Bedeutung der Industrie. Es ist die Industrie, die vor allem Schwierigkeiten hat. Wir haben schon in Österreich sehr deutlich beobachten können, dass zunächst die Industrie in die Rezession gerutscht ist, schon vor drei, vier Quartalen und dann mit einer Verzögerung auch der Rest. Die Industrie leidet besonders an den multiplen Unsicherheiten, die da sind. Sie leidet einerseits an den Unsicherheiten im Energiebereich, andererseits unter den Transformationsunsicherheiten etwa im Automobilbereich. Besonders leidet sie unter den handelspolitischen Spannungen. Das betrifft besonders die typischen österreichischen, deutschen und norditalienischen Familienunternehmen im Industriebereich, die ja sehr häufig auch einen sehr hohen Exportanteil haben.

finanzjournalisten.de:
Aber auch die USA haben ja einen nennenswerten Industrieanteil, auch wenn dieser Sektor speziell in Deutschland eine noch größere Bedeutung hat. Warum gelingt es den USA ein solches Wachstum hinzulegen?

Felbermayr: Naja, da sind zunächst einmal die deutlich niedrigeren Energiekosten. Die helfen der US-Industrie im Vergleich zu Europa sehr deutlich. Und was den USA Schutz bietet, ist der funktionierende große Binnenmarkt. Wir haben zwar in Europa auch einen Binnenmarkt, aber der ist leider stärker fragmentiert, vor allem was die Arbeitsmärkte anbetrifft. Wenn man in Grünheide eine Tesla Fabrik bauen will, dann ist man vor allem angewiesen auf deutsche Arbeitskräfte. Baut  man dagegen in Alabama eine Fabrik, kann man Arbeitskräfte aus den gesamten US-Südstaaten gewinnen. Im Vergleich zu den USA haben wir hier Standortnachteile. Und wir haben im Vergleich zu den USA ein sehr viel schwerwiegenderes demografisches Problem. Das ist auch investitionsrelevant.

„Das Dogma lautet derzeit ‚higher for longer'“

finanzjournalisten.de: Im Sommer hat die US-Notenbank die Zinserhöhungen gestoppt – können wir schon von einer Zinswende sprechen?

Felbermayr: Nein, das glaube ich nicht. Die Märkte erwarten ja eigentlich jetzt für eine lange Zeit hohe Zinsen. Deren Dogma lautet ja derzeit „higher for longer“.

finanzjournalisten.de: Sind wir denn jetzt in den USA schon am Ende der Fahnenstange angekommen?

Felbermayr: Was das kurze Ende angeht, möglicherweise ja. Obwohl natürlich eine Wachstumsrate von 5% kräftig ist und die Core Inflation…

finanzjournalisten.de: … also die Teuerung ohne Berücksichtigung der Bereiche Nahrungsmittel und Energie…

Felbermayr: …jetzt bei vier Prozent liegt. Aber was zeitweise in den USA wieder gestiegen war, ist die Gesamtinflation. Dazu sagt die Zentralbank zwar, das sei nicht so schlimm. Aber dem widerspreche ich, denn diese Teuerung ist ja gerade die, die bei den Menschen ankommt. Da ist also schon noch Druck da, die Zinsen tendenziell weiter zu erhöhen. Hinzu kommt, dass in den USA das Budget-Defizit enorm hoch ist. Und all das treibt die Inflation.

Insofern kann man schon davon ausgehen, dass geldpolitisch noch was passiert, aber ob das am kurzen Ende passiert? Wir werden eher weiter beobachten können, dass die Notenbanken in den USA und in Europa ihre Zentralbankbilanz weiter deutlich verkürzen. Das schafft natürlich auch höhere Finanzierungskosten, aber dann eben für Unternehmensanleihen, und länger laufende Staatsanleihen etc. Es kann weder in den USA, noch in Europa, noch in China ausgeschlossen werden, dass die hohen Zinsen womöglich doch noch Konsequenzen für die Finanzstabilität haben.

„Die Herde ist noch nicht auf das Thema Staatsschuldenstände aufgesprungen“

finanzjournalisten.de: Die Staatsschuldenstände sind ja in vielen Ländern weiterhin enorm hoch, das scheinen die Finanzmärkte aber derzeit nicht so im Fokus zu haben.

Felbermayr: Das stimmt, die Herde ist noch nicht auf das Thema aufgesprungen. Aber wenn man eine Schuldenquote von 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hat wie Italien, kann jeder ausrechnen, was das bedeutet, wenn die Zinsen deutlich steigen. Dann steigt auch der Schuldendienst enorm an. Auch Spanien, Frankreich oder Belgien haben alle eine Schuldenquote von mehr als 100 Prozent. Wenn die Zinsen sich verdreifachen, heißt das, ein dreimal so hoher Anteil des BIP muss in die Zinszahlungen laufen. Das ist viel, das muss man politisch auch mal durchhalten. Und das muss man mit den Defizitkriterien der Europäischen Union vereinbaren können. Es wäre aber zu kurz gegriffen, würde man jetzt nur den Staatssektor betrachten, auch im privaten Sektor schlummern Risiken.

Es wurden über viele, viele Jahre sehr hohe Bestände an Papieren mit niedrigen Coupons emittiert. Wenn man viele solche Langläufer hält, ist alles gut, so lange man sie nicht vorzeitig verkaufen muss. Wenn man aber plötzlich hohe Anteile der Bestände liquidieren muss, dann liquidiert man eben nicht zu 100 Prozent oder zum Kaufpreis, sondern zum Marktpreis. Wenn man zum Beispiel die 100-jährige Anleihe aus Österreich gekauft hat, notiert die gegenwärtig irgendwo bei 40 Prozent. Wenn man sie verkaufen muss, dann realisiert man die niedrigeren Kurse und dann kann es da ganz schön scheppern. Der große Teil der Papiere ist tatsächlich bei den Notenbanken gelandet. Die Notenbanken verkaufen jetzt Papiere mit enormen Verlusten. Das Kürzen der Notenbankbilanzen ist ja ein sehr teures Geschäft. Die Notenbanken machen ja alle die größten Verluste der Geschichte – das ist brutal.

finanzjournalisten.de: Der Bundesfinanzminister darf sich also eine Weile nicht mehr auf schöne Zusatzeinnahmen aus der Bundesbank freuen?

Felbermayr: Da wird für Jahre nichts kommen. Die Notenbanken können sich natürlich immer selbst rekapitalisieren. Aber die Entwicklung zeigt schon, dass auch eine Zentralbank eben eine Bank ist. Wenn man sich also vollsaugt mit solchen Papieren, birgt das ein riesiges Entsorgungsrisiko während ihrer Laufzeit. Das Risiko verschwindet zwar wieder, wenn die Papiere ausreifen. Man muss aber durchhalten.

„Die Gewerkschaften versuchen natürlich, die Reallöhne zu sichern. Das ist deren Aufgabe.“

finanzjournalisten.de: Und es sollte kein großer Notfall eintreten, damit es nicht zu einer Kettenreaktion kommt.

Felbermayr: Genau. Da kann man sich schon so einiges vorstellen, was mich ein bisschen nervös sein lässt.

finanzjournalisten.de: Drohen uns womöglich wegen der zuletzt inflationsbedingt hohen Lohnzuwächse 2024 neue Preissteigerungen?

Felbermayr: Das ist ganz klar so. Erst jetzt steigen die Löhne, weil die Preise stark gestiegen sind. Und die Gewerkschaften versuchen natürlich, die Reallöhne zu sichern. Das ist deren Aufgabe. In der nächsten Runde aber führen höhere Löhne wiederum zu höheren Preisen. Vor allem im Dienstleistungsbereich ist das ein Thema. Und die hohen Löhne haben noch einen anderen Effekt.

finanzjournalisten.de: Welchen meinen Sie?

Felbermayr: Die Industrie hat trotz der aktuellen Schwäche die Tendenz ihre Arbeitskräfte zu halten. Denn sie befürchtet, dass wenn sie jetzt Arbeitskräfte entlässt, aber im nächsten Jahr die Konjunktur wieder anspringt, sie die Arbeitskräfte nicht wiederbekommt. Deswegen hält sie sie. Wenn jetzt aber die Löhne stark steigen, wird dieses Halten erheblich teurer. Wenn sich aber die Ansicht verfestigt, dass die Konjunktur länger schwächer bleibt und die Zinsen länger hoch bleiben müssen, könnte sich die Einstellung vieler Unternehmen ändern.

„Am Arbeitsmarkt gibt es große Fragezeichen.“

finanzjournalisten.de: Mit der Folge, dass wir mehr Entlassungswellen sehen werden, wie sie jetzt vereinzelt schon begonnen haben?

Felbermayr: Genau. Am Arbeitsmarkt gibt es daher durchaus auch große Fragezeichen.

finanzjournalisten.de: Zu guter Letzt interessiert mich, ob Ihrer Ansicht nach die Weltwirtschaft in eine Phase der Deglobalisierung eingetreten ist – oder gibt eher eine Art Aufspaltung der Globalisierung in verschiedene Einflusssphären?

Felbermayr: Ich würde nicht von Deglobalisierung sprechen, sondern von „Slowbalisierung“ Die Hyper-Globalisierung ist eindeutig vorbei. Und ja, es sieht in Teilen nach Aufspaltung der Globalisierung aus, die Amerikaner und die Chinesen entkoppeln ihre Wirtschaftsbeziehungen ein Stück weit. Es gibt in Teilen auch ziemlich hohe Zuwachsraten zu verzeichnen, zum Beispiel im Handel der Amerikaner mit Vietnam, Kambodscha und so weiter, die steigen dort ein, wo die Chinesen aussteigen. In Summe rekonfiguriert sich der Welthandel zwar, und das recht schnell. Solche Handelsumlenkungseffekte sind allerdings typischerweise kleiner als das, was im Handel zerstört wird.

Aber es gibt schon seit Monaten Hinweise, dass sich jetzt doch etwas grundlegend ändert. Es sind die hohen Risiken, die für Verunsicherung sorgen. Es ist diese Industriepolitik, die sich überall breit macht, die überall in Kauf nimmt, ein Stück weit protektionistisch zu sein. Als Beispiel sei nur die europäische Lieferkettenregulierung genannt. In der Weltwirtschaft könnte nun eine Phase vor der Tür stehen, die schon lange befürchtet wird, aber bisher nicht eintrat, in der sich das Handelsvolumen relativ zum BIP schwächer entwickelt. Und dann wächst zwar der Welthandel noch, aber eben langsamer als das BIP – und dann würden wir ein Stück weit deglobalisieren. Ein Stück weit kann das sogar gewünscht sein.

„Die Hyper-Globalisierung ist eindeutig vorbei“

finanzjournalisten.de: Zum Beispiel, wenn irgendwelche Billigstklamotten nicht mehr um den halben Globus gekarrt werden, um nach kurzem Gebrauch hier bei uns in der Mülltonne zu landen?

Felbermayr: Wenn wir zum Beispiel festlegen würden, der komplette internationale Handel, der Transport würde einer CO2-Bepreisung unterliegen, dann würde der Welthandel ein paar Prozentpunkte geringer ausfallen. Das wäre zwar Deglobalisierung. Aber vielleicht ist das genau die Deglobalisierung, die wir brauchen, weil dieser Handel in Summe kein guter ist? Also da muss man dann genau hinschauen und sich fragen, ob das etwas ist, das wirklich Wohlstand vernichtet oder ob das nicht letztlich sogar zu begrüßen ist.

 

 

Bild: Brigitte Wallstabe-Watermann / finanzjournalisten.de

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